Michel Foucault. Die Erste.

Andere Räume
Michel Foucault, Essay aus AISTHESIS
Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik
Reclam-Verlag Leipzig 1990

Stilsicher beginnt der Essay, der aus einem Vortrag vom 14.03.1967 entstanden ist, mit dem Begriff der "großen Obsession". Jedoch geht es nicht um die Obsession eines Einzelnen, sondern einer ganzen Epoche. Ganz oder gar nicht.

Im 19. Jahrhundert stand (bekanntlich!) die Geschichte im Mittelpunkt: "Entwicklung und Stillstand, die Akkumulation der Vergangenheit, die Überlast der Toten". Wohingegen wir uns jetzt in einer Epoche des Raumes befinden sollen. Foucault schreibt dazu: "Wir sind, glaube ich, in einem Moment, wo sich die Welt weniger als ein großes sich durch die Zeit entwickelndes Leben erfährt, sondern eher als ein Netz, da seine Punkte verknüpft und sein Gewirr durchkreuzt." Die Assoziation zum Internet(z) tut sich mir heutzutage sofort auf. Dieses Netzwerk steht Foucault aber in den 60er Jahren noch nicht zu Verfügung, seine Worte verweisen auf die Ausbreitung der Massenmedien (Fernsehen, Radio, Kino), dem Sammeln und Auswerten von Informationen und dem ansteigenden Massen(reise)verkehr, z.B. das Luftfahrtaufkommen. Entfernungen spielen keine große Rolle mehr, es findet kein Nacheinander sondern nebeneinander statt. "Der Strukturalismus, ..., ist der Versuch, zwischen den Elementen, die in der Zeit verteilt worden sein mögen, ein Ensemble von Relationen zu etablieren, [...] es handelt sich um eine bestimmte Weise, dass zu behandeln, was man die Zeit und was man Geschichte nennt."

Paradox wird es, da Foucault, eben noch die Zeit als in den Hintergrund getreten bezeichnend, jetzt mit der Geschichtlichkeit des Raumes einsetzt. Ausgehend vom Mittelalter mit seinen starren Ordnungsräumen, über die Entdeckung der Sternenbewegungen durch Galilei und somit einer Ausdehnung des Raumes, bis zur heutigen Problematik der Lagerung im Raum umreit der Text kurz, aber eindeutig die Veränderung von Raumkonzeptionen und -konventionen in den letzten 1000 Jahren.

Der Raum wird als sozialer Ort verstanden. Gegensatzwelten werden aufgetan. Räume in der heutigen Zeit, die auch noch einmal klar in ein innen und außen unterteilt werden, sind nicht abgegrenzt, homogen und leer, sondern immer schon mit Qualitäten, Phantasmen, Wünschen, Träumen, Dingen gefüllt, die es uns gar nicht mehr möglich machen, einen Raum strikt vom nächsten zu trennen. Aber betont wird, dass trotz der Trennung keine völlige Entsakralisierung stattgefunden hat. Man denke an die Familie, die Privatsspäre, die uns heilig ist.

Auch wenn diese Räume für Analyse und Interpretation genug Stoff bieten, so sind die ersten vier Seiten doch nur eine Einführung und Einleitung zu dem, was den Autor wirklich erst am Raum interessiert: "das sind unter allen diesen Plazierungen diejenigen, die die sonderbare Eigenschaft haben, sich auf alle anderen Plazierungen zu beziehen, aber so, daß sie die von diesen bezeichneten oder reflektierten Verhältnisse suspendieren, neutralisieren oder umkehren. Diese Räume, die mit allen anderen in Verbindung stehen und dennoch allen anderen Plazierungen widersprechen, gehören zwei großen Typen an."

Genannt werden einerseits Utopien, welche die Gesellschaft perfektionierend darstellen, aber als Nicht-Raum, als reines Gedankengut. Für Foucault gibt es gleichfalls wirkliche Orte, die in der Gesellschaft tatsächlich auftauchen, sozusagen Gegenplazierungen bzw. tatsächlich realisierte Utopien, die er Heterotopien nennt. Diese Räume haben immer eine Funktion dem verbleibenden Raum gegenüber: sie bieten die Möglichkeit der Illusion oder der Kompensation, die beide im letzten Abschnitt näher beleuchtet werden.

Im Fokus des Essays stehen vorerst die 5 Grundsätze der Heterotopien, die Foucault aufstellt. Anhand jener beschreibt er ausführlich, was sich hinter der Wortneuschöpfung verbirgt und spikt diese mit Beispielen. Davon sollen an dieser Stelle nur in Kürze einige genannt werden: Gefängnis, Erholungsheim, Militärdienst, Friedhof, Kino, Theater, Garten, Feriendörfer. Dies alles sind erst erschaffene Konstrukte in unserer Kultur, die eine Idee verkörpern und mit (vergeistigten) Idealvorstellungen durchdrungen sind. Ob und wie sie diese erfüllen können, ist fraglich.

Erwähnen möchte ich an dieser Stelle noch den Grundsatz 4: Die Heterotopien sind häufig an Zeitschnitte (als eine Differenz) gebunden. Erst mit dem Bruch der herkömmlichen Zeit, erreicht die Heterotopie ihr volles Ausmaß, z.B. Urlaub in einer Feriensiedlung in Abgrenzung zur klar strukturierten 42h-Arbeitswoche. Ohne die Zeit geht es, trotz einleitenden Worte, also doch nicht.



Ein Text, der es in sich hat: dicht gepackt, voller nur wage angerissener Verknüpfungen in andere Themengebiete, aber dennoch sehr gut zu lesen.

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